„Demografischer Wandel ist kein Schicksal – er lässt sich gestalten“

Interview mit Ralf Blasig über die Stadt Einbeck

Blog-Beitrag #4 vom 02.04.2024

Ralf Blasig im Interview mit René Lehweß-Litzmann und Maike Reinhold


Ralf Blasig, Jg. 1975, gelernter Lokaljournalist und heute in der Unternehmenskommunikation tätig, hat mit einer Vielzahl von Personen des öffentlichen Lebens in Einbeck gesprochen. Die Interviews sind sowohl auf seinem Blog (https://demografischerwandel.blogspot.com) als auch in seinem Buch „Altes Einbeck“ (2021) zusammengefasst, das den demografischen Wandel der Stadt, seine Auswirkungen und die sich bietenden Gestaltungsmöglichkeiten beleuchtet. Einbeck ist eine der Hauptuntersuchungsregionen im Projekt InReSo. Blasig, der aus Einbeck stammt und nun auch wieder in Einbeck lebt, steht uns freundlicherweise als lokaler Experte für ein Interview zur Verfügung.


Herr Blasig, wie würden Sie Einbeck beschreiben? Worin ist es mit Städten ähnlicher Größe vergleichbar und worin ist es ggf. besonders?

Wie viele Mittelzentren muss Einbeck darum kämpfen, seine Innenstadt lebendig und den Leerstand möglichst gering zu halten. Identifikation und bürgerschaftliches Engagement sind stark, sodass in den letzten Jahren eine Reihe lokaler Initiativen und neuer Kulturangebote entstanden sind. Überregional am bekanntesten ist wohl der PS. Speicher – eine Ausstellung historischer Fahrzeuge, ins Leben gerufen durch die Stiftung eines vermögenden Sammlers. Das bislang recht stabile wirtschaftliche Rückgrat der Stadt ist KWS – ein internationales Saatzuchtunternehmen, das allein in Einbeck mehr als 1.600 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beschäftigt.


Was sind die großen Herausforderungen, die sich den Bewohner:innen von Einbeck stellen?

Auf drängende globale Probleme muss natürlich auch Einbeck reagieren – von Klimawandel bis Rechtspopulismus. Überdurchschnittlich stark ist die Stadt vom demografischen Wandel betroffen. Viele Schulabgänger verlassen Einbeck für Studium oder Ausbildung. Mit dem Abschied der Babyboomer aus dem Berufsleben droht ein massiver Fachkräftemangel. Die Frage ist, inwieweit ein Ausgleich durch Zuwanderung und höhere Erwerbsbeteiligung gelingt.


Sie selbst wohnen nach einigen Zwischenstationen wieder in Einbeck. Was hält Sie persönlich in Ihrer Stadt?

Einbeck hat sich für mich immer nach Heimat angefühlt. Das hat natürlich mit persönlichen Bindungen zu tun – aber auch mit Lebensqualität. Gemessen an seiner Größe bietet Einbeck in der Freizeit viele Möglichkeiten. Offenbar bin ich mit dieser Meinung nicht allein – denn ich kenne eine Reihe von Menschen, die sich nach längerer Abwesenheit für die Rückkehr nach Einbeck entschieden haben.


Können Sie in Einbeck innovative Ansätze ausmachen, mit der demografischen Alterung und Schrumpfung umzugehen?

Seit knapp einem Jahrzehnt gibt es in Einbeck die so genannte Sch(l)aufenster-Initiative. Das Ziel: ungenutzte Schaufenster lieber ansprechend gestalten als leer stehen lassen. Das hat das Erscheinungsbild der Innenstadt verbessert, auch wenn es natürlich kein Ersatz für die echte Nutzung von Geschäftsräumen und Wohnungen ist. Darüber hinaus sehe ich viele kleine und größere Beispiele – von der Mitfahrerbank auf dem Dorf bis zur Wiederbelebung eines alten Kinos durch einen Verein.


Von wem kommen in Einbeck innovative Ansätze? Wer sind die Akteure, die Herausforderungen angehen können und dies auch tatsächlich tun, um die Stadt für die Zukunft besser aufzustellen?

Vieles geht von privaten Initiativen aus, gerade was Kulturangebote betrifft. Wichtige Akteure, um sich den Herausforderungen zu stellen, sind darüber hinaus Kommunalpolitiker, Stadtverwaltung und die lokale Marketinggesellschaft. Ein zentrales öffentliches Projekt ist derzeit die Umgestaltung eines alten Fachwerkhauses im Stadtzentrum. Damit soll anschaulich werden, wie denkmalgeschützte Gebäude modern genutzt werden können. Finanziert wird das Ganze aus dem Smart-City-Programm des Bundes. Einerseits ist es erfreulich, dass Einbeck mit seiner Bewerbung erfolgreich war. Andererseits zeigt es ein Problem auf: Kostspielige Maßnahmen sind ohne Fördermittel kaum zu stemmen.


Was könnte besser laufen?

Einbeck wäre gut beraten, noch mehr von erfolgreichen Vorbildern zu lernen. Beispiel Rückkehrertage: Viele Kommunen, etwa in Sachsen-Anhalt, organisieren schon seit Jahren Veranstaltungen, bei denen sie um ehemalige Einwohnerinnen und Einwohner werben. Typischerweise zu Weihnachten, wenn viele Ehemalige zum Familienbesuch kommen. Solche Best Practices sind nicht patentgeschützt und könnten auch Einbeck helfen. Demografischer Wandel ist kein Schicksal – er lässt sich gestalten.