Coworking Space „Coconat”

Neues Arbeiten und Leben im ländlichen Raum

Blog-Beitrag #5 vom 26.04.2024

Lukas Höhne (Humboldt-Universität zu Berlin)


Eine einstündige Zugfahrt vom Berliner Hauptbahnhof entfernt, mitten in der brandenburgischen Region „Naturpark Hoher Fläming”, befindet sich ein Ort, den es vor 20 Jahren nicht hätte geben können. Das, was auf den ersten Blick wie ein stillgelegter Agrarbetrieb und auf den zweiten Blick wie ein Landhotel wirkt, ist das Coworking Space „Coconat”. Das Coconat-Space Klein Glien (Bad Belzig), eingetragen als Dietrich & Kokosnuss oHG, wurde 2017 von einem vierköpfigen Gründerteam mit Erfahrungen in der Tourismusbranche ins Leben gerufen. Das Konzept basiert darauf, unabhängige Wissensarbeiter:innen in einer attraktiven Arbeitsumgebung zusammenzubringen. [1] Wissensarbeiter:innen benötigen für ihre Tätigkeiten lediglich einen Computer mit Internetanschluss und sind nicht mehr an das klassische Innenstadtbüro gebunden. Infolge der Flexibilität droht Wissensarbeiter:innen jedoch ein Verlust von sozialer Anbindung und von Gemeinschaftsgefühl.


Die Gemeinschaft im Coconat-Space bildet den Gegenentwurf dazu. Die Coconat-Nutzer:innen (Coconauten) stehen in engem Kontakt und inspirieren sich gegenseitig für ihre beruflichen Tätigkeiten. Die Gemeinschaft im Coconat-Space setzt sich zusammen aus zugezogenen Städtler:innen (vor allem aus Berlin) und einigen Wissensarbeiter:innen, die aus der Region stammen. Das Coconat-Space greift aktuelle Trends auf: Zum einen gewinnt das Leben auf dem Land gegenwärtig an Popularität. [2] Zum anderen katalysiert die Digitalisierung die neue Beliebtheit ländlicher Räume. [3] In der Folge strömen Wissensarbeiter:innen in den ländlichen Raum. Ein Gewinn für beide Seiten: Die Wissensarbeiter:innen können einen alternativen Lebensstil in der Natur erproben, die ländlichen Regionen von ihrer wirtschaftlichen Zugkraft profitieren. [4]


Community and Concentrated Work in Nature

Coconat hat ein ungenutztes Gelände mittels Internetzugang in das 21. Jahrhundert gebracht, steht jedoch für mehr als nur Laptop-Arbeit. Das Coconat-Space versteht sich als ein „Workation Retreat”, ein Multifunktionsraum, der neben Arbeitsplätzen ein breites Angebot an Freizeitaktivitäten zur Verfügung stellt. In der Remise, einem offenen, langgezogenen Raum mit großen Fenstern, kommen Mitglieder der Coconat-Gemeinschaft zum gemeinsamen Yoga oder Tischtennis zusammen. In der Bibliothek tauscht man sich am Abend über den Tag aus. Der Zeltplatz, ganz im Norden, ermöglicht es, in den Sommermonaten auf dem Gelände zu leben (Coliving). Der Name artikuliert diese unterschiedlichen Bedeutungen: Coconat steht für „Community and Concentrated Work in Nature”. [5]

Der einzigartige Charakter des Coconat-Space hat den internationalen und nationalen Bekanntheitsgrad des Hohen Flämings erhöht. Des Weiteren ging vom Coconat-Space die Initiative Smart Village e. V. Hoher Fläming aus, deren Ziel es ist, die Lebensqualität der Region durch digitale Lösungen zu steigern. [6] Insgesamt konnte der Hohe Fläming durch Coconat eine neue Innovationsdynamik entwickeln.*


Neues Dorfzentrum oder Enklave auf dem Land?

Die Coconat-Betreiber:innen möchten einen Ort schaffen, der die Funktionen eines Dorfzentrums erfüllt und sich in die Region integriert. [7] Es bestehen diverse Bestrebungen, diesen Anspruch zu erfüllen. Coconat kooperiert mit dem Naturparkverein Hoher Fläming, der sich für den Naturschutz in der Region einsetzt. Die räumliche Gestaltung des Geländes erfolgt in Zusammenarbeit mit einer lokalen Garten- und Landschaftsbaufirma. Ebenso dient das Coconat-Space als Ort für Wahlen und Ortsbeiratssitzungen. Ein Café und eine Pizzeria leisten einen Beitrag zur Daseinsvorsorge auch für diejenigen, die dem Kerngeschäft nicht viel abgewinnen können.


Dennoch beteiligen sich Nicht-Wissensarbeiter:innen wenig am Geschehen auf dem Gelände. Um ein neues Dorfzentrum für Zugezogene und Eingesessene, unabhängig von Bildung und Milieu, handelt es sich nicht. Vielmehr lassen sich Tendenzen der Abschottung feststellen, die mit dem Zuzug von Wissensarbeiter:innen in Verbindung stehen. Die Wissensökonomie verlangt von Arbeitskräften eine hohe Flexibilität und Mobilität. Wissensarbeiter:innen sind zunehmend digitale Nomaden, die von Einzelprojekt zu Einzelprojekt ziehen und nicht mehr in feste Arbeitsverhältnisse eingebettet sind. In der Coworking-Community können digitale Nomaden eine neue Form der Sicherheit erschließen. Dadurch besteht aber die Gefahr von Polarisierung [8]: Auf der einen Seite bleiben die hochqualifizierten Laptop-Arbeiter:innen unter sich, auf der anderen Seite fühlen sich die Dörfler:innen aus traditionellen Berufszweigen abgehängt.


Innovative Bündnisse zwischen Wissen und Handwerk

Das CocoLab, ein Projekt initiiert von Coconat, versucht, eine Schnittstelle zwischen beiden Seiten zu bilden. Das CocoLab besteht seit 2022 und befindet sich in einer renovierten Scheune auf dem Coconat-Gelände. Es handelt sich um eine Werkstatt, in der neuartige Arbeitsverhältnisse zwischen Wissensarbeit und Handwerk erforscht werden. Sägen, Bohrmaschinen, 3D-Drucker, Lasercutter, Standcomputer für Videoeditor:innen und Programmierer:innen teilen sich einen Raum. Im CocoLab sollen digitale und materielle Produkte, eingesessene Dörfler:innen und hippe Zugezogene aufeinandertreffen. [9] Im Verhältnis zum klassischen Coworking wird das Angebot im CocoLab bis jetzt wenig wahrgenommen. Jedoch besitzt das CocoLab großes Potenzial, das Gemeinschaftsgefühl in Klein Glien zu stärken. Denn damit werden mehr Eingesessene dazu eingeladen, sich in die Coconat-Community einzubringen.

Das Coconat hat eine vormals landwirtschaftlich geprägte Region an die aktuellen Trends der Wissensökonomie angeschlossen. Anhand des Coconat-Space lässt sich zeigen, dass Coworking auf dem Land einen besonderen gesellschaftlichen Nutzen erzielt, wenn dort ökonomische und soziale Innovationen ineinandergreifen.


Dieser Beitrag geht aus der Bachelorarbeit von Lukas Höhne mit dem Titel „Nutzen von Coworking Spaces für die lokale Bevölkerung am Beispiel des COCONAT-Space Klein Gliem“ (2023) hervor. (Hier klicken zum Aufrufen der Bachelorarbeit.) 



* Außerdem ist Coconat Teil des „Netzwerkes Zukunftsorte”. Das Netzwerk Zukunftsorte umfasst Projekte für neuartige Lebens- und Arbeitsweisen auf dem Land. Dazu gehört beispielsweise die „Alte Hölle”, eine Anlage, die Ähnlichkeiten mit Coconat aufweist und sich ebenfalls im Hohen Fläming befindet. Weitere Informationen: https://wissen.zukunftsorte.land/orte/altehoelle.


[1] Asher, U., Bade, K., Heiß, L., Hentschel, P. & Paaß, J. (2022). Übermorgen – Vom Leerstand zum Zukunftsort. Netzwerk Zukunftsorte (Hrsg.). 1. Auflage (5000), Brandenburg.

[2] Hauser, C. (2019). Digitalisierung im ländlichen Raum: Die dritte Dimension der Disparität? In Bußjäger, P., Keuschnigg, G., Schramek, C. (Hrsg.). Raum neu denken – von der Digitalisierung zur Dezentralisierung. (. S. 125 – 141). New Academic Press. Institut für Föderalismus – Schriftenreihe Band 127

[3] Berlin Institut für Bevölkerung und Entwicklung. (2022). Landlust neu vermessen – Wie sich das Wanderungsgeschehen in Deutschland gewandelt hat. https://www.berlin-institut.org/fileadmin/Redaktion/Publikationen/BerlinInstitut___Wuestenrot_Stiftung_Landlust_neu_vermessen.pdf

[4] Florida, R. (2019). The Rise of the Creative Class. Basic Books. Updated 2019 Paperback Edition. Erscheinungsjahr der Originaledition: 2002.

[5] Coconat. (o. J.). Coconut – Community and Concentrated Work in Nature. https://coconat-space.com/de/, Abrufdatum: 27.10.2023.

[6] smartVILLAGE. (o. J.). Smart Village – Unsere Zukunft. Hier. https://smart-village.net/, Abrufdatum: 25.10.2023.

[7] Coconat – Mission & Vision. (o. J.). Mission & Vision. https://coconatspace.com/de/about/#:~:text=Nach%20zwei%20erfolgreichen%20Testl%C3%A4 ufen%20er%C3%B6ffnete,2017%20dauerhaft%20im%20Gutshof%20Glien, Abrufdatum: 02.11.2023.

[8] Helbrecht, I. (2011). Die neue Intoleranz der kreativen Klasse: Veränderungen in der Stadtkultur durch das Arbeitsethos der flexiblen Ökonomie. In Frey, O. & Koch, F. (Hrsg.). Die Zukunft der Europäischen Stadt: Stadtpolitik, Stadtplanung und Stadtgesellschaft im Wandel, S. 119 – 135.

[9] smartVILLAGE – Projekte (o. J.). CocoLab – Maker’s Retreat – Ein Projekt von COCONAT. https://smart-village.net/cocolab/, Abrufdatum: 23.11.2023.